
Tag 25 – Gedenktag 11.April
Bei mir sieht nun fast jeder Tag gleich aus. Inzwischen hat sich auch ein Tagesrhythmus eingestellt. Karfreitag war deshalb kein besonderer Tag für mich. Michael fährt täglich auf sein Amt und für ihn ist Ostern ein verlängertes Wochenende. Es ist dann oft schwierig sich auf gemeinsame Unternehmungen zu einigen. Ich schlage dann vor, einfach mal auf den Goethewanderweg zu gehen und bis auf den Kammweg oder bis Belvedere oder noch weiter zu laufen und dabei zu quatschen. Er will sich aber meist ins Auto setzen und was anderes sehen oder joggen oder mit dem Fahrrad auf den Ettersberg fahren. Ich entgegne dann, dass es doch egal ist, in welchem schönen Wald wir uns bewegen und unterhalten, joggen nicht gut für die Gelenke ist und er mich am steilen Ettersberg abhängt und wir uns dann auch nicht unterhalten können. Dann ruft er meist Matthias an und macht mit ihm richtigen Männersport. Manchmal ist er dann für Stunden und Tage erschöpft und es tun ihm das Handgelenk oder das Knie weh. Ich gehe lieber mit Hermine auf unseren Hausberg. Wir wählen jedesmal eine andere Route und sehen auch jedesmal was Neues.
Heute einigte ich mich mit Michael auf einen gemeinsamen Plan. Wir wollen mit dem Fahrrad über Gaberndorf nach Buchenwald und über die Prinzenschneise zurück.

Der Südhang vom Ettersberg ist sehr karg bewachsen und im Frühjahr oft richtig warm. Am Anfang des Studiums mussten wir auch alle den Berg hoch und den Schwur von Buchenwald leisten. Es war unerträglich heiss unter der dunkelblauen FDJ-Bluse. Auf dem Weg hatten wir sie ausgezogen und sind im bunten Bikinioberteil gelaufen.
Heute war es auch sehr heiß und das Fahrrad haben wir ab Gaberndorf geschoben bis zum Glockenturm. Während unserer Rast mit Blick über Weimar wurde die Buchenwaldglocke geläutet.

Oben am Turm war alles ruhig ein paar junge Leute waren zu zweit unterwegs. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie heute freiwillig hier oben sind, aber ich habe Abstand gehalten. Geplant war eigentlich eine große Gedenkveranstaltung mit vielen Politikern und ehemaligen Häftlingen.

An den vermoosten Ruinenresten der SS-Villen waren Familien unterwegs und die Kinder beobachteten Kellerasseln.
In Buchenwald wurden heute nur ein paar Kränze im Lagerbereich niedergelegt und am Lagerzaun legten Besucher Blumen und sehr persönliche Texte nieder.

Ich habe mich mal wieder gefragt, wie es Geschichtslehrer und auch einige Menschen schaffen, die die Zeit noch erlebt haben, das Geschehen in einem Konzentrationslager zu leugnen oder zu verdrängen und vergessen wollen.
Als ich das erste Mal in unserer Partnerstadt Siena war, hat uns die Stadtführerin zum Dom die Geschichte erzählt. Eine gigantische Erweiterung des damals schon riesigen Doms wurde 1339 beschlossen, um mit dem Dombau in Florenz zu konkurrieren und die größte Kirche der Welt haben. Die Pest von 1348 zwang zum Baustopp. Das Nordseitenschiff und die Fassade des „Duomo Nuovo“ der unvollendeten Kirche stehen noch. Von den Menschen in Siena wurde die Pest als Strafe Gottes für ihren Größenwahnsinn betrachtet und die unvollendete Kirche sollte als Mahnmal stehen bleiben. Das Ereignis ist heute noch im Gedächtnis der Menschen in Siena. Vor vielen Jahren war ich oft in Siena, wohnte in der Contrade der Gans, war auf dem Palio, habe den besonders traditionellen, fast mittelalterlichen Alltag erlebt. Die Menschen waren sehr zurückhaltend freundlich, bescheiden und immer zeitlos elegant gekleidet. Ich konnte sie dadurch auf dem Campo gut von vielen deutschen Touristen unterscheiden. Zumindest von männlichen mittelalterlichen Exemplaren in Safarilook, mit Socken in Sandalen, in Westen mit vielen Taschen für alles, was er zum Überleben in der Stadt braucht, Geld, Fotoapparat, Sonnenbrille. Deren Frauen liefen daneben meist in beiger 7/8-Hose, dazu ein großgeblümtes XL-T-Shirt mit Damenrucksack für alles was sie zum Überleben brauchen, Taschentücher, Pflaster, Regenschirm, Stulle… Ja, ich war auch deutsche Touristin bin aber von Italienerinnen auf italienisch angesprochen worden, aber das nur nebenbei bemerkt.
Ich habe jedenfalls den Verdacht, dass der Italiener an sich ein längeres Geschichtsgedächtnis hat als der Deutsche an sich. Oder ist das nur ein Klischee?
Tag 23 zu Hause – Friseur
Heute hätte ich eigentlich einen Termin bei Mrs. Jones zum Haare schneiden und Ansatz färben gehabt. Der Termin ist schon lange abgesagt. Der 17. März ist ein unvergesslicher Tag, ein Aufschrei ging durch unser Mädels-Chat. Vom 18.März bis 20.April gibt es keine Friseurtermine. Alle wollten zu unserem geplanten nächsten jährlichen Treffen 10 Tage später mit Grauabdeckung und ordentlichem Haarschnitt erscheinen.
Am letzten Tag vor dem Schließen wollte Michael in Erfurt auch noch seine Haare schneiden lassen. Alles ausgebucht. Seine Kollegin hat ihm noch einen Termin bei Herrn Kemmerich besorgt. Masson hatte noch freie Kapazitäten. Glück gehabt! Aber irgendwelche Neuigkeiten von unserem ehemaligen Ministerpräsidenten hat er nicht erfahren. Männer reden offensichtlich nicht so viel mit ihrem Friseur.

Am Tag bevor die Friseurläden wieder aufmachen, sollten alle ein Foto von sich machen. Ich bin mir noch nicht schlüssig, ob ich bis dahin, meine Haare wachsen lasse oder ich sie mir selbst schneide oder von Michael schneiden lasse, obwohl in der Presse ausdrücklich davor gewarnt wird.
Heute bei meinem Stadtgang habe ich zufällig meine Friseuse getroffen und sie besorgt gefragt, wie es geht. Sie meinte, daß sie die Auszeit sehr genießt. Na dann ist ja gut.
Tag 23 zu Hause – Nachbarn
Heute war ich mal wieder in der Stadt. Ich kann allen Daheimgebliebenen berichten, es ist sehr ruhig in der City. Bei Jelo gibt es Mittagessen in einer Einwegpackung. Zur Müllvermeidung wird das Essen auch auf eigenem Teller oder Gefäß ausgegeben.
Auf dem Rückweg habe ich meine kleine Nachbarin über den Zaun lunsen gesehen.

Ihre Eltern sind auch zu Hause. Sie haben grad Mittagspause gemacht. Papa gibt Musikunterricht über das Internet. Mama arbeitet in einem kleinen feinen Laden in der Innenstadt und organisiert jetzt den Onlineverkauf matzundmurkel für Kinderbekleidung, Spielzeug und Zubehör. Vroni reitet heute auf ihrem Hexenbesen und morgen auf dem Pferd durch den Garten.
Katja Liebeskind ist gelernte Friseuse, gut zu wissen für den Notfall.
Tag 22 zu Hause – Tatort Weimar vor 7 Jahren
Erinnerung aus dem Netz – Heute vor 7 Jahren bin ich also vor Sonnenaufgang aus dem Haus an den überfrorenen Autos vorbei zum Drehort vom ersten Weimar-Tatort.
Das Foto mit Hendrik Zuerch ist aus der Drehpause. Wir sind verdeckte Ermittler als Tourist verkleidet und stärken uns vor dem Zugriff am Bratwurststand mitten in der ansonsten bratwurstfreien Zone vor dem Theater.

Einer von uns beobachtet über den Zeitungsrand den unter Mordverdacht stehenden Sohn der Frau Hoppe. Rechts im Bild im unauffällig beigen Mantel.

Ich habe als verdeckte Ermittlerin Dorn hinter meinem Stadtführer alles im Blick.

Eine brenzlige Situation: Kommissar Lessing begibt sich zum Bratwurststand

Der Umschlag mit den 38.200 Euro ist im Papierkorb. Das knutschende Pärchen in Position. Ich erwarte die Erpresserin, nur äusserlich entspannt, bereit für den Zugriff. Die Bevölkerung läuft ahnungslos durch das Szenario.

Die Studenten der Mediengestaltung an der Bauhaus-Uni erholen sich von der Actionszene bei alkoholfreiem Bier. Sie haben als Säufer von Daniels Junggesellenabschied den Kutschverkehr auf dem Theaterplatz gestört. Eine starke Besetzung und grossartige schauspielerische Leistung!

Das sind keine verdeckten Ermittler. Das wäre etwas überzogen unauffällig.

Da ist das Miststück. Ich könnte zugreifen, darf ich aber nicht als Komparsin.

Kommissarin Dorn wartet auf Lessing, er hat den Fahrstuhl nicht gefunden, den es ja auch garnicht gibt. Sie ist echt sauer, dass das Geld weg ist. Mit Babybauch konnte sie ja wirklich nicht hinterher rennen.

…nun aber nix wie hinterher, ohne Blaulicht.

Die Säufer, das knutschende Pärchen und die sechs Touristen am Ende des Drehtag.
Tag 21 zu Hause – Frühling
In der Lessingstrasse ist alles ruhig und entspannt. Es ist Frühling, die Obstbäume fangen an zu blühen, Vögel zwitschern und die Bienen summen. Am Krankenhaus in der Nähe ist auch Ruhe. Keine Hubschrauberflüge und kein Tatütata von Rettungsfahrzeugen zu hören. Die Nachbarstochter ist auch seit ein paar Tagen aus Asien zurück. Wir konnten einen Plausch am Fenster machen. „Es ist so surreal.“
Ja, genau das sage ich auch seit 2 Wochen. Ich habe mich auch gefragt, wie mag das wohl vor 75 Jahren hier gewesen sein. Es war noch Krieg, die Männer an der Front oder verletzt oder gefallen. Vorwiegend die Frauen mussten irgendwie das Leben aufrecht halten und sich um die Kinder und Alten kümmern und trotzdem war Frühling.
In der letzten Zeit schreibt Susanne Kauffmann-Kramer aus Rösrath, Nordrhein Westfalen:
“ In diesen Tagen erinnere ich mich oft an die Stille im April 1945. Es gab keinen Fliegeralarm mehr, keine Bombengeschwader, keine Detonationen, kein gedrängtes Sitzen im Luftschutzkeller, aber auch keine Stimmen auf den Strassen, nur Vogelgezwitscher im glitzernden Frühlingssonnenschein – denn die Amerikaner hatten nach der Eroberung unserer kleinen Stadt eine Ausgangssperre verordnet.
Um der Stubenhaft zu entkommen, richtete ich mit meiner Freundin im Nachbarhaus eine stille Post ein: Ein Bindfaden von ihrem Klofenster zu unserem Dielenfenster trug unsere – vermutlich nicht sehr weltbewegenden – Nachrichten in einem Körbchen hin und her.“
Die Zettelchen wären heute bestimmt interessant. Der Inhalt unterscheidet sich vielleicht nicht so sehr von dem, was meine Nachbarskinder sich am Gartenzaun erzählen.
Meine Tante kann sich auch noch an den Frühling vor 75 Jahren in Gablonz (heute Jablonec) erinnern. Sie war 9 Jahre alt, es gab auch eine Ausgangssperre, niemand wusste so richtig was demnächst passiert. Über eine Umsiedelung der Deutschen und Verlassen von Haus und Garten haben die Erwachsenen gesprochen. Aber sie kann sich nicht an Angst, Chaos, Panik erinnern. Auch das habe ich jetzt bei einem Spaziergang durch das Merketal bei zwei 10-jährigen Mädchen beobachtet. Sie wissen was los ist, halten sich an die Abstandsregeln. Während sich die Mütter über die ganze Problematik unterhalten, sprechen die Mädchen fröhlich über die Schulaufgaben, die Hasen, den Hund und spielen. Sehen die Blüten, die Bienen, erkennen die Vögel, geniessen den Frühling.
Tag 20 zu Hause – Yoga Teil 3 mit Tine und Heidi
Namaste – wie versprochen haben wir uns für uns und für Euch neue Yogaübungen ausgedacht.








Tag 20 zu Hause – Erster Ferientag für Lehrer
In den letzten Tagen habe ich mich etwas abgeschottet von den Medien, kein Radio wenig Fernsehen. Am Sonntag schaltete ich mal wieder radioeins an. Die beiden Moderatoren sahen die Veränderungen in ihrem persönlichen Leben nur positiv. Sogar die Zeit mit ihren Kindern genießen sie. Die beiden Quasselstrippen haben bestimmt auch sehr quirlige Kinder. Schulfrei bis zu den Sommerferien wäre für sie vorstellbar.
Vor einer Woche habe ich mit meiner Nachbarin in Coppanz einem kleinen Dorf bei Jena gebrauchte Möbel abgeholt. Ich hatte Zeit mir das idyllische Dorf anzuschauen.
Ein Haus gefiel mir besonders gut. Hinter den Terrassentüren sah ich ein junges Paar am Laptop. Ich war sehr neugierig und musste sie stören. Wer das Haus geplant hat, konnten sie mir nicht beantworten. Das ist das Haus ihrer Eltern, die verstorben sind. Sie sind aus Berlin zu Besuch hier um den Verkauf abzuwickeln. Das passt grad ganz gut, sie fühlen sich in dem Haus und Dorf sehr wohl. Mit dem Fahrrad ist Jena über einen 3 km langen Weg zu erreichen. Die Internetverbindung ist super. Der Mann kann im Homeoffice arbeiten. Die Frau beschäftigt grad ihre Schüler in Berlin, sie kann sich das bis zum Sommer vorstellen.
Jetzt kann sie ihren Laptop zuklappen und auch den Garten, die Obstwiesen, den Wald und die Landschaft geniessen. Endlich Ferien!
Tag 19 zu Hause – Lego
Jonas hat seine vielen Legobausteine in Weimar hinterlassen. Mit seinem Einverständnis werde ich sie nun an andere Kinder zum Häuser bauen weitergeben. Nur die grauen Steine und seine Roboter darf ich nicht weitergeben. Er hat sie bereits als Diplomgestalter aus Langweile in einer Quarantänezeit gebaut.

Es sind noch sehr viele Legoteile da, die ich auch gerne an gelangweilte kreative Männer abgebe. Da lässt sich doch noch was draus machen!



