Lessingstrasse

Vorsicht! Unfallgefahr

In den letzten Tagen des letzten Jahres bin ich noch von der Stufe vor meinem Haus auf die Nase gefallen. In der Nacht wurde mein kleiner Finger immer dicker. Nach 3 Stunden Warten im Notfallzentrum im Klinikum habe ich erfahren, dass er tatsächlich nicht nur geschwollen sondern gebrochen ist. Zum Glück ist es die linke Hand. Blöd ist, dass ich nicht Stricken kann. Habe einiges probiert, finde aber keine Technik mit nur 3 Fingern der linken Hand.

Heute habe ich wieder einen Termin. Ich soll mir für den Tag nichts weiter vornehmen. Na super. Das ist das Unangenehmste an dem Bruch, das stundenlange Sitzen im Wartebereich und den Stress in einem Notfallzentrum mitzubekommen. An dieser Stelle möchte ich mich beim gesamten Klinikum entschuldigen, weil ich nun mit meinem durch Unachtsamkeit verursachten Bruch das Gesundheitssystem belästige.

10:50 Uhr Erste Etappe. Am Einlass ist eine lange Warteschlange. Zwei Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun, geben Auskunft, lassen Formulare ausfüllen und bekleben die Besucher mit einer Zugangsberechtigung. Am Container nebenan ist ein ständiges Kommen und Gehen der Mitarbeiter für einen Coronatest.

11:30 Uhr – Ich sitze im Warteraum. Zeit zum Chatten. Mist mein Akku ist gleich leer. Diesmal habe ich ein Ladekabel mit, aber die Steckdosen sind zu gut gesichert. Für diesen Fall habe ich heute auch genügend Lesestoff dabei. Beim letzten Besuch studierte ich den „Sackpfeifer“ erst gründlich und dann konnte ich mit einer Bekannten über unsere Unfälle quatschen.

12:30 Uhr die Ärztin hat mich zum Röntgen geschickt. Dort lässt sich im Warteraum noch Strom klauen und kleine Kinder können in die Steckdosen schauen.

13:00 Uhr – Mit meiner Zugangsberechtigung ins Klinikum konnte ich endlich mal wieder in den Genuss eines Dreigängemenu für 6 Euro kommen.

14:00 Uhr Alles erledigt ich kann wieder an die frische Luft. Jetzt ist niemand am Einlass und die beiden Mitarbeiter langweilen sich. Könnte man eventuell das Bestellsystem verbessern? Am besten man wird nicht zum Notfall.

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Lessingstrasse, Nora Tschirner, Tatort Weimar

Der feine Geist

Zum Jahresbeginn wurde der elfte Tatort aus Weimar ausgestrahlt. Die Dreharbeiten wurde gerade noch rechtzeitig am Freitag den 13.März 2020 vor Ausruf der Pandemie abgeschlossen.

Wie bei jeder Folge war ich am Ende erstmal völlig verwirrt, von den ganzen skurrilen Szenen und Wendungen. Diesmal ist also Lessing erschossen worden, aber der Zuschauer, zumindest ich, hat nicht gecheckt dass er nun als Geist weiter mitspielt. Als Weimaranerin achte ich bei der ersten Sichtung zu sehr auf die Location’s und versuche sie zu erkennen. Die schwarze Villa habe ich natürlich gleich erkannt. Die Zuschauermeinungen waren mal wieder sehr divers, von „blödsinnig“ und „schrecklich“ bis „der allerbeste ever“, „sehr ernst“. Überrascht hat mich die tiefe Traurigkeit mancher Zuschauer. Diese Emotionen kamen bei mir wahrscheinlich nicht an, weil ich den Weimar-Tatort von vornherein nicht so ganz ernst nehme, ist ja sowieso nur ein Film. Über die extrem albernen Szenen mit Lupo und Stich sehe ich hinweg ohne mich aufzuregen. Was mich aber genervt hat, war die seltsame Steckfrisur von Kira in den ersten Folgen. Diesmal hatte sie aber sehr schöne Haare und eine gute Maske. Auch die Pullover muss ich mir nochmal genauer anschauen. Die Ausstattung ihrer Wohnung gefiel mir auch diesmal und ganz besonders die Teller.

Christian Ulmen hat auf eigenen Wunsch den Weimar-Tatort verlassen. Er braucht mehr Zeit um den Bekloppten in Jerks zu spielen, anstatt den feingeistigen Lessing. Kann ich akzeptieren. Ich glaube Christian Ulmen mag unsere piefige Kleinstadt sowieso nicht. Der feine Herr gab uns nur beim ersten Preview in Weimar die Ehre seiner Anwesenheit. Diese Ermahnungen „Frau Dorn!“ bei lustigen und wahren Bemerkungen von Kira waren voll die Spassbremse. Die Zitate und Statistiken gingen mir auch ziemlich auf die Nerven.

Bei jedem „Frau Dorn!“ musste ich unwillkürlich zusammen zucken. Mein ehemaliger Lieblingschef Michael Eschwe hat das ihm gleichen Tonfall auch oft gesagt, er ist auch ein ähnlicher Typ, rein äußerlich. Zum Beispiel wollte eine Bauherrin aus Karlsruhe unbedingt, dass die Toiletten vorzeitig für ein Baustellenfest nutzbar gemacht werden. Das war sehr schwierig. Ich schlug vor, dafür die vorhandenen Baustellencontainer nach einer gründlichen Reinigung zu benutzen. Frau Hartmann-Schleicher hyperventilierte daraufhin und erklärte mir, dass das für Bänker ein völlig inakzeptabler Vorschlag ist. Ich erklärte ihr, dass ich auch auf diese Toiletten gehe und sagte: „Bänker machen doch auch nur Scheiße. Oder kacken sie Marzipankugeln?“ Ein Antwort bekam ich leider nicht. Nur ein Ermahnung: „Frau Dorn!“ von meinem Chef.

Da fällt mir noch ein Beispiel ein. Wegen Termindruck musste das Parkett schnell eingebaut werden. Im Winter wurde das Bankgebäude schön geheizt und das Parkett konnte endlich austrocknen. Logischerweise entstanden kleine Risse, die von Frau Hartmann-Schleicher umgehend als Mangel angezeigt wurden. Der Parkettleger erklärte geduldig die bauphysikalischen Zusammenhänge und wie das Holz arbeitet und sich bewegt. Meine Anmerkung: „…wahrscheinlich als einzige in diesem Haus.“ wurde natürlich auch mit einem strengen: „Frau Dorn!“ vom Chef kommentiert. Ich habe aber sein heimliches Schmunzeln gesehen. Eigentlich war er ein frecher Westberliner, den er vor den Bauherren natürlich nicht rauslassen durfte. Hinterher haben wir aber über die Arroganz und Pingeligkeit mancher schwäbischer Bänker den Kopf geschüttelt.

Seit gestern ist der Drehort Weimar eingeschneit und ich war nicht die einzigste die plötzlich den Ausgang der Parkhöhle fotografiert hat, wo die Mörderin gefasst wurde.

Das Tempelherrenhaus hat schon Moby für sein Cover fotografiert, sieht aber eingeschneit nochmal besonders schön aus.

Es gab 2 und 3/4 Tote, 3/4 lag hier auf der Treppe, der angeschossene und nicht mehr vernehmungsfähige Wolle.

Wie geht es nun weiter mit dem Tatort? Im Jahr 2021 wird nicht gedreht. Das bedeutet für mich, ich bekomme keine Komparsenrolle 2021 und muss mir meinen Lebensunterhalt anderweitig verdienen. Murmel Clausen hat vom mdr den Auftrag für ein neues Drehbuch. Wenn 2022 gedreht werden soll, muss es im September 2021 fertig sein. Lessing wird auch nach Zuschauerprotesten definitiv nicht auferstehen, wie damals Bobby Ewing in Denverclan (oder Dallas? egal). Er steht eventuell als „Gespinst“ in weiteren Folgen zur Verfügung. Vielleicht kommt ja Til Schweiger als Nachrücker aus Hamburg. Die Vorstellungsszene kann gerne wiederholt werden: „Ihr Name?“, „Tschiller“, „So wie der Dichter?“, „Welcher Dichter?“. Wer weiß, wenn seine teure Actionszenen das Budget des ndr sprengen, finanziert der mdr vielleicht mal eine Verfolgungsjagd mit Sprung vom Jacob auf die Fahrzeuge irgendwelcher Ganoven. Vielleicht möchte Jürgen Vogel aber auch mal Tatort-Kommissar werden. Ihn könnte ich mir unter dem Name „Götte“ auch gut als neuen Partner von Kira vorstellen. Das wäre göttlich! Na mal sehen, was den Autoren und dem mdr so einfällt.

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Lessingstrasse

Jahresrückblick

Das letzte Jahr verlief auf jeden Fall anders als am Anfang geplant. Meine bescheidenen Reisepläne konnte ich nicht umsetzen. Nach der Lektüre des Buches „Hygg, hygg hurra!“ wollte ich endlich mal das glücklichste Volk in Dänemark besuchen. Sehen wo man das dänische Design im Alltag findet, fahrradfreundliche Städte besuchen…

Stattdessen habe ich es mir in meinem „zu Hause“ hygge gemacht. Aus der großen Langeweile habe ich Dinge gemacht, die ich lange nicht gemacht habe oder schon immer mal machen wollte.

Einen Drachen habe ich das letzte mal vor über 30 Jahren steigen lassen. Das Flurstück „Über der großen Sackpfeife“ war damals noch eine sehr windsichere Wiese. Mit einem selbstgenähten orangefarbenen Drachen zog ich mit Jonas und einem Freund los. Der Wind war ideal und die 300 m lange Schnur wurde komplett aufgerollt. Irgendwann stürzte er doch über den Häusern ab. Wir gingen lange der Schnur nach und fanden ihn dann auf dem Dach eines Hauses zwei Straße weiter. Jetzt wohne ich auf der ehemaligen Drachenwiese. Mit meinen Nachbarinnen Hermine und Heidi ließen wir auf dem Berg unsere Drachen steigen.

Seitdem gehe ich mit meinem kleinen Taschendrachen regelmäßig Gassi.

Manchmal kommen auch alte Puhdys-Fans mit, die den Drachen steigen lassen.

Jonas und Laura konnten auch nicht verreisen und hängen in ihrer kleinen Wohnung in Berlin fest. Laura strickt jetzt ihren ersten Pullover und Jonas hat nach 25 Jahren Häkelpause aus den Wollresten was gemacht.

Bloggen und Hängemattenyoga sind Dinge die ich noch nie vorher gemacht habe und eigentlich auch nie geplant hatte. Mal sehen was ich im nächsten Jahr mache. Ein Buch schreiben? Trommeln? Ausgeschlossen ist bereits Malen, Töpfern, Singen.

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Grüner Wohnen

Oberweimar-Ehringsdorf

Am Merketal gibt es eine Ackerfläche, welche für Wohnbebauung vorgesehen ist. Wir haben schon in den 80er Jahren im Studium Wohngebiete für die Fläche geplant.

Dieser Weg ist eine Sackgasse. Wer aus Richtung Oberweimar ins Klinikum will, nimmt den Schleichweg durch die Hermann-Löns-Straße.

Die Lessingstrasse ist in der Südstadt von Weimar. Sie grenzt an den Ortsteil Oberweimar-Ehringsdorf. Ich habe ziemlich viele Freunde und Bekannte in dem Ortsteil. Das ist mir vor zwei Wochen aufgefallen und zugute gekommen, als ich Unterschriften gesammelt habe.

In diesem schönen Garten an dem schönen Haus haben wir schon einige Sommerfeste gefeiert. Leider werden die Bewohner in den nächsten Jahren wahrscheinlich Baustellenverkehr ertragen müssen. Bewohner der Straße im letzten Haus am Feldrand haben eine Bürgerinitiative gegen den Fruchtwechsel von Ackerland zu Bauland gegründet. Ein autofreies Wohngebiet mit Gärten und Bäumen sieht aus der Luft zumindest schön grün aus.

Gegenüber steht dieser idyllische Wohnwagen. Die Bewohner kenne ich nicht, habe auch noch nie jemand gesehen.

Den Bahnhof von Oberweimar haben Freunde ausgebaut. Sie sind von Kromsdorf nach Oberweimar gezogen und fühlen sich dort inzwischen mit ihren zwei Kindern sehr wohl. Auch dort haben wir einige Geburtstage gefeiert. Ab und zu fährt ein Zug vorbei, aber das macht nix.

Ehemalige Mieter haben sich gegenüber dieses Holzhaus gebaut.

Von diesen Fenstern hat man einen tollen Blick…

…über das Bauland am Merketal bis zu meiner Straße in der Südstadt. Heute war es leider etwas diesig.

Zufällig grenzt der blühende Garten von einem anderen guten Bekannten an.

Die Architekten Karsten und Karin Graw haben sich direkt am Steinbruch Ehringsdorf dieses Holzwohnhaus und ein kleines Büro gebaut.

Am Feuergässchen entsteht zur Zeit das nächste Holzhaus nach ihrem Entwurf.

Das ist der Schleichweg vom Park zu Luise Tamm meiner ehemaligen Nachbarin. Sie hat sich dort mit ihrer Familie eines der typischen kleinen Siedlungshäuser mit Unterstützung von Graw Architekten ausgebaut. Ihre kleine Praxis für Osteopathie hat sie auch noch mit untergebracht.

So schließt sich der Kreis und ich laufe durch den Park und den Schanzengraben. Vielleicht finde ich noch ein paar Äpfel, sind aber alle aufgelesen und geerntet. Auch gut.

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Weimar

Endlich Theater „Endlose Aussicht“

In der Alten Feuerwache wird zum Kunstfest Theater gespielt. Für die letzten Aufführungen habe ich keine Karten mehr bekommen. Gestern sah ich auf der Internetseite noch grün für verfügbare Plätze. Ich nahm Tickets für den gleichen Abend der Kategorie e – 2 Plätze nebeneinander „für Personen die im selben oder befreundeten Haushalt leben“. Die zweite Person aus dem befreundeten Haushalt hat auch spontan zugesagt. Was wird gespielt? Egal, Hauptsache Theater.

Es war noch ein lauer Sommerabend und unser Schirm konnte geschlossen bleiben. Der Ton kam über die Kopfhörer. Die Schauspielerin hat in mehrere kleine Kameras geschaut und das Bild riesengroß an die Brandwand projiziert.

Die Handlung: Jona sitzt in ihrer fensterlosen Kabine vor ihrem Frühstücksei. Zehn Tage Rundreise Karibik. Ihre Geschwister haben ihr diese Kreuzfahrt geschenkt. Sie ist mit 32 Kondomen im Gepäck an Bord gegangen. Die Reise ist eigentlich vorbei und sie sitzt immer noch hier. Der erste Passagier ist an einem seltsamen Virus gestorben. Seitdem steht das Schiff unter Quarantäne, darf nirgendwo anlegen und treibt auf dem Meer wie ein schwimmendes Tschernobyl. Längst ist Jona Teil eines Luxusgefängnisses. Am Tag hat sie 30 Minuten Ausgang (oder Auslauf?) auf Deck.

Ich muss an die Zeit denken, als Sabine und über ihrem Mann berichtet hat, der im März noch seit Monaten auf Weltreise auf einem Kreuzfahrtschiff war, aber nirgendwo anlegen durfte und wir fieberten mit. Das gleiche Drama. Mich interessiert, ob die Autorin Theresia Walser tatsächlich auf einem Kreuzfahrtschiff war. Sie hat fast die gleichen Gedanken gehabt, wie wir in unserem Chat. Als „eine der erfolgreichsten Dramatikerinnen ihrer Generation“ hat sie natürlich die Spannung stark überhöht. Wir haben die 75 Minuten mit Jona mitgefiebert und über den Galgenhumor gelacht.

Zwischendurch habe ich auch mal den Kopfhörer abgenommen. Die Schauspielerin war dann ganz leise zu hören und ich konnte mich mit meinem Sitznachbarn leise unterhalten. Andere Pärchen haben das auch gemacht, es hört ja niemand sonst mit Kopfhörer. Als ich den Kopfhörer wieder auf den Ohren hatte, musste ich mal niesen, das hat bestimmt niemand gehört. Habe mir dabei keinen Zwang angetan, wie sonst im Theater. Die Schauspielerin sagte „Gesundheit“, das war mir dann doch etwas peinlich.

Falls sich jemand fragt, ob ich während der Vorstellung fotografiert habe: Nein, ich habe die Bilder im Netz geklaut.

Ach es war so toll! Judith Rosmair ist so schön und spielt so lebendig. Die Videos von ihrem Lebensgefährten dem Video- und Installationskünstler Theo Eshetu erzeugten das Gefühl von Weite und Einsamkeit im Meer. Der Text von Theresia Walser sehr witzig. Ich gehe heute gleich mal in die Bibliothek leihe mir ein Buch von ihr aus…

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Thüringen

Wandern für Regen

„Klimaerwärmung und Waldentwicklung am Thüringer Drei-Türme-Weg“ war das Thema der jährlichen Wanderung.

Auf dem Hainturm konnte die Aussichtsplattform betreten werden. Der Blick durch die Zinnen nach unten ist schon möglich.

Der Turm wurde 1828 auf freiem Feld errichtet. Vor hundert Jahren gab es in Thüringen ungefähr 25% Waldfläche, heute sind es ungefähr 33%, es könnten aber 45% sein. Inzwischen steht er zwischen hohen Bäumen. Eine schmale Blickachse, lässt einen kleinen Durchblick zu. Wenn das Herbstlaub gefallen ist, könnte Ende des Jahres ein Blick in die Landschaft möglich sein. So nach und nach werden noch ein paar Buchen geerntet und der Blick zum Carolinenturm ist frei.

Wolfgang Grade informierte an mehreren Stellen über die Waldentwicklung, die Auswirkungen der Trockenheit, zeigte abgestorbene Fichten, erzählte von vielen Schädlingen. Das war teilweise etwas deprimierend. Auf dem Kötsch konnte er uns die positive Entwicklung eines Nadelwald zum Dauerwald anschaulich erläutern. Unter dem Baumkronendach der Nadelbäume, wachsen 15 verschiedene Baumarten mit unterschiedlichen Entwicklungsstrategien.

Die Sicht vom Carolinenturm war nicht so superklar, der Himmel mit Wolken verhangen…

…die ersten Tropfen fielen auch gleich aus den fetten Wolken

Nach 19 km Wanderung stiegen wir auf den dritten Turm, den Paulinenturm. In allen Richtungen waren nur Regenwolken zu sehen.

Am Ende standen wir dann alle bei bestem Wetter im Regen und lauschten noch den letzten Erläuterungen zu naturgemäßer Waldwirtschaft. In Berlin wurde in der Zeit gegen Corona demonstriert, wir haben unser Immunsystem gestärkt und sind erfolgreich für Regen gewandert. Das war der Beginn eines Dauerregens, über Nacht kamen in Weimar ungefähr 60 mm Niederschlag runter. Meine Regentonne läuft nun über, na hoffentlich läuft die Ilm nicht auch über.

Zum Abschied unser Tour „Wandern für Regen“ haben wir noch einen Baum umarmt und einen Flyer von ANW mitgenommen. Darin sind viele Gedanken zum Umgang mit dem Wald kurz und knackig dargestellt und lustig illustriert. Viele Fragen sind offen. Warum wird der wirtschaftliche Erfolg an den geernteten Festmetern Holz und Holzpreisen gemessen? Thüringen wäre wahrscheinlich ein reiches Land, wenn die lebenswichtige Sauerstoffproduktion abrechenbar wäre.

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Grüner Wohnen

Holzdorf – Teil 2 Im Baustoffhof

Auf dem riesigen Anwesen gibt es etwas abseits hinter dem Ökoparadies auch einen „Baustoffhof“.

Vor ein paar Wochen waren die beiden Hasen Toffi und Fee bei uns in der Lessingstrasse unter den Platanen auf der Weide. Für ihr Gehege suchte ich damals einen Tunnel zum Krabbeln und als Sonnenschutz. Meine improvisierte Holzkonstruktion ist schnell wieder zusammen gebrochen. Ich dachte an ein Tonrohr. Auf den Baustellen in der Stadt habe ich nur PVC-Rohre gesehen. Hier sind verschiedene Tonrohre gelagert.

So ein Firstziegel ist vielleicht auch geeignet.

Beim Weitersuchen haben wir eine Fassadenplatte zur Seite genommen. In dem Zwischenraum haben sich Ameisen ein Gangsystem mit Gründach gebaut.

Die meisten ausgebauten und gesicherten Fenster sind nebenan im Gemüsegarten zu einem großen Gewächshaus zusammen gebaut. Für ein kleines Gewächshaus finde ich bestimmt noch ein passendes Fenster.

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Grüner Wohnen

Backofenfest im Ökoparadies Holzdorf

Das Landgut Holzdorf ist einer meiner Lieblingsorte bei Weimar. Letztes Wochenende lud die Diakonie zum Backofenfest ein. Dies war eine Gelegenheit das „Ökoparadies“ zu besuchen.

Otto Krebs aus Mannheim, der Erfinder des „Glieder-Heizkessels“ kaufte sich das Landgut Holzdorf. Er richtete sich im Herrenhaus hübsch ein, hing dort seine Kunstschätze auf, stellte Skulpturen in den Garten und baute sein Gemüse in modernen beheizbaren Gewächshäusern an. Zwischen den verbliebenen Fundamenten gibt es nun Lehmbauten, Kräuterbeete, idyllische Sitzecken, ein Barfusspfad und Gewächshaus aus Natur- und Recyclingmaterial.

Es gab Brot und Blechkuchen aus dem Lehmofen. Das Kaffeewasser wurde auf diesem alten Küchenherd gekocht.

Auf dem Gelände gibt es auch diese „Private Sphere“ mit Panoramafenster. Bis 3 Personen können dort für 20 Euro pro Nacht mit Matte und Schlafsack gut übernachten.

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Thüringen

Weitersroda

Letzter Abend beim Festival in Rudolstadt bei den Bauernhäusern auf der Bank unter der Linde. Der Liederkreis aus Köln sang noch ein paar Volkslieder an. Plötzlich kam aus dem Nichts Prinz Chaos II. in weißem Gewand jedoch ohne Pferd und gesellte sich zu uns. Sang uns ein Lied von einer Partei, die er wählen würde. Erzählte uns mit seinem bayerischen Akzent, dass er wie wir auch in einem Einparteiensystem groß wurde und nun eine Anarchomonarchie auf Schloss Weitersroda gegründet hat. Zum Schluss sang er noch: „Auf, auf zum Kampf…. dem Karl Liebknecht haben wir’s geschworen, der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand“ …überreichte uns seine Visitenkarte und entschwand.

War das ein Traum? Nein, er ist sogar unter dem Namen Florian Kirner als Liedermacher und Kabarettist im Internet präsent. Ein Buch „Leichter als Luft“ ist auch von ihm erschienen. Nun waren wir mal an seinem Schloss gleich hinter Hildburghausen.

Hier residiert Prinz Chaos II.

Das Festivalgelände des Paradiesvogelfest ist im Schlosshof. Leider konnten wir nur vom Zaun aus lunsen. Fotografiert haben wir es nicht. Das Schloss wird schon mehr als genug von Eindringlingen und Drohnenflügen in seiner Ruhe gestört. Wir sahen vom Rand lustige Bühnen und Bauten aus Holz. Das Programm für das Festival 2021 steht schon http://www.paradiesvogelfest.de

Der Zentrale Busbahnhof von Weitersroda, gleich an Schloss und Kirche.

Galerie und Kunsthandel in Weitersroda

„Glaube niemals was Du gehört hast“ Goethe

Hat Goethe das wirklich gesagt oder geschrieben? Hab ich nie gehört. Naja im Grunde hat er sowieso alles gesagt. Vielleicht hat er den Spruch dem Besitzer damals gesagt und er hat es gleich in Holz geschnitzt.

In der Metzgerei Marc Sauerbrey haben wir uns noch für unser Picknick eingedeckt. Die Pferdeklopse in der Büchse mussten wir auch zum Probieren nach Weimar mitnehmen. Die hat bestimmt Goethe auch schon auf seiner Durchreise gegessen.

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Thüringen

Seebach

…ist ein ehemals kleines Kuhdorf mit 900 Einwohnern in einem Tal. Eine Strasse führte am Berg vorbei. Ende der 60er Jahre wurde die Umgestaltung zu einem „sozialistischen Dorf“ begonnen. Eine neue Strasse wurde durchgeführt, eine große Fabrik vor den Wartberg gesetzt und Wohnblöcke für die Beschäftigten und ihre Familien zwischen die kleinen Häuser gesetzt. Einwohnerzahl stieg auf ca. 3.500 plötzlich.

(Den Artikel aus der „Architektur der DDR“ muss ich mal finden)

Meine Eltern sind mit mir und meiner Schwester aus Gotha in eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung mit 52 qm gezogen. Küche mit Durchreiche und innenliegenden Bad und Balkon.

Der Balkon war im Süden. Ungefähr 20 Familien hätten mir beim Sonnen zuschauen können, wenn ich mich dort in die Sonne gelegt hätte, wenn sie geschienen hätte und bis sie hinter dem Querblock verschwand.

Das Foto habe ich 1971 aus meinem Kinderzimmerfenster gemacht. In dem Hof unter mir lagerte das Material von Nebengebäuden, auf dessen Grundfläche jetzt unser 80 m lange Fünfgeschosser stand. Ich konnte gemütlich von meiner Fensterbank beobachten, wie der Mann aus dem Haus seine Karnickel fütterte und in seinem Garten arbeitete.

Auf dem Berg gegenüber bin ich im Winter mit Schlitten oder Skiern gefahren. In einem Sommer saß dort öfters eine Malerin und hat einen Gesamtblick auf das Dorf mit den Neubaublöcken gemalt. Das Bild hing dann in der Bibliothek. Wo ist es jetzt?

Die Malerin Veronika Wagner (VW) ist mit ihren vielen Bildern nach über 50 Jahren von Berlin in das Haus ihrer Familie zurück und hat es zu ihrem neuen zu Hause gemacht. Von ihrer Miniveranda hat sie auch einen schönen unverstellten Blick mit der Scheune, die auch auf meinem Foto zu sehen ist.

Meine Schulfreundin ist auch eine der wenigen Ureinwohner von Seebach. Ihr Garten lag früher am Dorfrand und nun führt eine Bundesstrasse direkt am Gartentor vorbei. Der Blick auf den Wartberg ist durch das Fabrikgebäude mit einem leuchtend grünen Schriftzug „DECKEL-MAHO“ verstellt.

Im Garten meiner Schulfreundin war es trotzdem sehr gemütlich und lustig. Um 23 Uhr leuchtete die Schrift nicht mehr und es fuhren keine Autos. Ihr Sohn aus Erfurt war mit seinen 3 Kindern da. Er fühlt sich in Seebach zu Hause und arbeitet in Erfurt. Am nächsten Tag musste er arbeiten. Ach, fährt er dann nach Erfurt? Nein, er macht Homeoffice, in Seebach, da wo er geboren wurde und groß geworden ist und das Haus seiner Vorfahren ist. Von seinen Schulfreunden aus den Blöcken ist kaum einer noch da und kommt auch nicht mit den Kindern in den Ferien.

Der Weg von dem meine Freundin als Kind in den Wald konnte, ist auch schon lange durch die Maschinenfabrik versperrt. Das stellten wir auch fest, als wir vom Klubhaus mal kurz eine Runde laufen wollten. Der Weg über die Blumenwiese hinter dem Werk am Waldrand wurde uns mit der Zeit in der Sonne doch zu lang, wir fanden keinen Durchgang ins Dorf. In einem kleinen Waldstück suhlten sich Wildschweine. Irgendwann kamen wir auf die Zufahrt zum Werkseingang zu dem angeblich 600 Beschäftigte von außerhalb anfahren und wieder weg fahren. Zu dem Zeitpunkt war es sehr ruhig, wegen Kurzarbeit und Betriebsferien. Wir hofften, daß dies für uns keine Sackgasse ist und es eine Verbindung zum Dorf gibt. Wir fanden dann auch noch einen offensichtlich wenig begangenen Pfad.

Als wir die fehlende Wegebeziehung vom Dorf in den Wald in einer Unterhaltung bemerkten, fragte der Besuch aus der Großstadt, wozu denn jemand aus dem Dorf in den Wald sollte, ist doch nicht nötig. Das hat natürlich auch den Vorteil, dass die Wildschweine nicht ins Dorf kommen.

Wie geht es weiter mit Seebach? Es gibt Studenten von der Uni in Weimar, die Studien machen. Von einem Mehrgenerationshaus ist die Rede. Ein Planungsbüro in Weimar ist mit Konzeptentwicklungen beauftragt. Was ist mit der alten Uhrenfabrik? Mirko erzählte von Ideen zu einem Kunstraum. Na das wäre doch vielleicht auch was für VW (Veronika Wagner). Es gibt keine Gaststätte, keinen Treffpunkt. Der ehemalige Zentrale Platz zwischen Schule, Turnhalle und „Kinderkombination“ mit untermauertem Dienstleistungszentrum und der alten Dorfkirche mit Blickachse zum Werktor, einer Skulptur und einer Blumenuhr ist jetzt ein Parkplatz.

Die Sparkasse zu der ich mein erspartes Taschengeld trug, war davor ein Bäcker und wurde inzwischen denkmalgerecht saniert und ist jetzt eine „Heimatstuben“. Dort werden alte Alltagsgegenstände und die Geschichte von Seebach gezeigt. Die alte Singernähmaschine von meiner Oma aus Gablonz steht da auch.

Das Haus meiner Großeltern in Jablonec (Gablonz). Heute steht ein Wohnblock drauf.

Gegenüber haben „Zugezogene“ ein altes Fachwerkhaus umgesetzt und einen Bauerngarten angelegt. An der alten Dorfstrasse vor den alten Häusern sind „Gärten des Grauens“ mit Schotter zu sehen. An einigen Hängen am Dorfrand pflegen die Leute aus den Blöcken ihre Kleingärten. Für bauwillige junge Familien gibt es keine Grundstücke.

Im ehemaligen Fleischerladen steht jetzt ein Dönerspieß. Vielleicht kommt ja noch ein Zugezogener oder Rückkehrer und eröffnet eine Gaststätte. So wie in Ummerstadt.

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