Lessingstrasse

Tag 21 zu Hause – Frühling

In der Lessingstrasse ist alles ruhig und entspannt. Es ist Frühling, die Obstbäume fangen an zu blühen, Vögel zwitschern und die Bienen summen. Am Krankenhaus in der Nähe ist auch Ruhe. Keine Hubschrauberflüge und kein Tatütata von Rettungsfahrzeugen zu hören. Die Nachbarstochter ist auch seit ein paar Tagen aus Asien zurück. Wir konnten einen Plausch am Fenster machen. „Es ist so surreal.“

Ja, genau das sage ich auch seit 2 Wochen. Ich habe mich auch gefragt, wie mag das wohl vor 75 Jahren hier gewesen sein. Es war noch Krieg, die Männer an der Front oder verletzt oder gefallen. Vorwiegend die Frauen mussten irgendwie das Leben aufrecht halten und sich um die Kinder und Alten kümmern und trotzdem war Frühling.

In der letzten Zeit schreibt Susanne Kauffmann-Kramer aus Rösrath, Nordrhein Westfalen:

“ In diesen Tagen erinnere ich mich oft an die Stille im April 1945. Es gab keinen Fliegeralarm mehr, keine Bombengeschwader, keine Detonationen, kein gedrängtes Sitzen im Luftschutzkeller, aber auch keine Stimmen auf den Strassen, nur Vogelgezwitscher im glitzernden Frühlingssonnenschein – denn die Amerikaner hatten nach der Eroberung unserer kleinen Stadt eine Ausgangssperre verordnet.

Um der Stubenhaft zu entkommen, richtete ich mit meiner Freundin im Nachbarhaus eine stille Post ein: Ein Bindfaden von ihrem Klofenster zu unserem Dielenfenster trug unsere – vermutlich nicht sehr weltbewegenden – Nachrichten in einem Körbchen hin und her.“

Die Zettelchen wären heute bestimmt interessant. Der Inhalt unterscheidet sich vielleicht nicht so sehr von dem, was meine Nachbarskinder sich am Gartenzaun erzählen.

Meine Tante kann sich auch noch an den Frühling vor 75 Jahren in Gablonz (heute Jablonec) erinnern. Sie war 9 Jahre alt, es gab auch eine Ausgangssperre, niemand wusste so richtig was demnächst passiert. Über eine Umsiedelung der Deutschen und Verlassen von Haus und Garten haben die Erwachsenen gesprochen. Aber sie kann sich nicht an Angst, Chaos, Panik erinnern. Auch das habe ich jetzt bei einem Spaziergang durch das Merketal bei zwei 10-jährigen Mädchen beobachtet. Sie wissen was los ist, halten sich an die Abstandsregeln. Während sich die Mütter über die ganze Problematik unterhalten, sprechen die Mädchen fröhlich über die Schulaufgaben, die Hasen, den Hund und spielen. Sehen die Blüten, die Bienen, erkennen die Vögel, geniessen den Frühling.

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