Schlimmer Wohnen

Tag 31 – Schlimmer Wohnen in Berlin-Pankow

(Das ist ein überarbeitete Fassung. Die ursprüngliche von April 2020 ist passwortgeschützt)

Bin mit dem Fahrrad früh los und vom Ostkreuz bis Pankow durch die leere Stadt gefahren, um mir die Stadt anzusehen. Auf dem Weg habe ich mir auch ein paar realisierte Projekte angeschaut, die ich aus meiner Mitarbeit in einigen Berliner Architekturbüros aus der Planungsphase kenne.

Im Architekturbüro Baumschlager Eberle in Berlin habe ich 2 Monate gearbeitet. Spätestens beim Selbsterkennungsseminar an einem Wochenende auf einem Schloss in Brandenburg wurde mir klar, dass der Chef sich nicht für seine Mitarbeiter interessiert und ihnen garnicht zuhört. Die meisten Kollegen kannten unseren Chef schon gut und wussten, was er gerne hört und sagten dies auch.

Ich hatte an dem Wochenende schon vor der Anreise gemerkt, dass ein Infekt im Anmarsch ist. In den Seminarräumen mit Klimaanlage wurde er noch richtig verstärkt. In der Nacht habe ich in meinem Einzelzimmer echt gelitten. Ich habe die ganze Zeit geschnieft, Papiertaschentücher und dann Klopapier aufgebraucht. Ich konnte mir keinen Tee kochen. An der Rezeption war nur ein Nachtdienst, der mir auch nicht mit Medikamenten helfen konnte und auch nicht durfte, das verbietet ein Medikamentenhandelsgesetz. Am nächsten Morgen bin ich wieder in Schals eingewickelt zum Frühstück und Seminar. Wir teilten uns dann in Einzelgruppen auf und ich kam mit meinem Chef in eine kleine Diskussionsrunde. Ich entschuldigte mich für meine Erkältung und angekratzte Stimme. Nebenbei bemerkt, das war 2016 also lange vor Corona. Er gab mir den schlauen Tip, doch Medikamente zu nehmen. Ich sagte ihm, dass ich das auch tun würde, wenn ich welche hätte. Ich solle doch mal rumfragen. Auch darauf konnte ich ihm von meinen Misserfolgen berichten. Ja dann müsste ich halt mal in eine Apotheke fahre. Ich informierte ihn, dass ich dann in der Pause zwischen 13 und 15 Uhr mit dem Fahrrad in zur nächsten Apotheke in 15 km Entfernung fahre. Er war als einzigster mit dem Auto angereist und kam nicht auf die Idee, mal schnell mit mir in die nächste Kleinstadt zu fahren. Wir Mitarbeiter kamen mit Rad und Bahn bzw. einem Taxi. Ich fuhr in der Pause los, versorgte mich mit Medikamenten und genoss die Landschaft. Auf der Rückfahrt überraschte mich noch ein Regenschauer. Völlig durchnässt kam ich dadurch 10 Minuten zu spät in die Runde. Nach einer Ermahnung entschuldigte ich mich ausdrücklich. Eingemummelt in Tücher, Tee trinkend und schniefend schaute ich mir das alles noch an und am Ende habe ich meine Kündigung beschlossen. Ein paar Tage später an meinem Geburtstag, der in diesem Büro natürlich nicht bedacht wurde, habe ich sie mir geschenkt.

Mit diesem Projekt hatte ich schon eine ganze Weile Probleme. Die Fenster erschienen mir von Anfang an viel zu schmal.

In der Bauordnung wird unter §47 Aufenthaltsräume lediglich gefordert: „Sie müssen Fenster mit einem Rohbaumaß der Fensteröffnungen von mindestens einem Achtel der Netto-Grundfläche des Raumes…haben.“ Mit der Größe der Rohbauöffnungen wurde diese Forderung grade mal so im Bauantrag eingehalten und genehmigt. Die tatsächliche lichte Öffnung der Fenster ist viel kleiner, weil mit dem Wärmedämmverbundsystem der Fensteranschlag hergestellt wird. Bei einer lichten Rohbauöffnung von 1,20 m wurde so die lichte Öffnung um 20% auf ca. 0,96 m verkleinert. Beim Blick auf die Grundrisse mit einer Gebäudetiefe vom 12 m ist schnell eine schlechte Belichtung zu vermuten. Im Wärmedämmverbundsystem hat sich mein Chef die Faschen als Gestaltungselement ausgedacht. Der Investor wollte sie aus Kostengründen einsparen. Mein Chef prognostizierte eine langweilige Fassade, wenn die Faschen entfallen. Klar bei den kleinen Fenster, stimmt das auch. Einer billigen Farbgestaltung hat er nicht zugestimmt. Die so entstandene „geile Lochfassade“ mit Faschen als chices Gestaltungselement, nennt die Presse Scheißschartenfenster äh Schießschartenfenster. Ich sage faschistische unmenschliche Architektur. Anforderungen an den sozialen Wohnungsbau in der DDR hätten diese Blöcke nicht erfüllen können. Besonnung ist auch nach DIN 5034-1 nicht ausreichend. Aber wo kein Kläger, auch kein Richter. Der Investor sagt Hauptsache billig, viele Quadratmeter. Qualität scheissegal. Leute sollen froh sein, wenn sie ein Dach über den Kopf haben. In Berlin vermietet sich alles, in Pankow sowieso.

Ich habe einer Flüchtlingsfamilie aus Syrien bei der Beantragung einer der Sozialwohnungen bei der Wohnungsverwaltung Gesobau geholfen. Die Familie mit 3 kleinen Kindern wollte gerne vor dem Winter aus ihrer Einraumwohnung in eine etwas größere Wohnung. Bei mindestens 30 Bewerber je Wohnung wurden sie leider nicht berücksichtigt. Dann hätte ich auch mal Gelegenheit gehabt, eine Wohnung von innen zu sehen.

Wenn den Mietern ihr Haus nicht gefällt, können sie ja die Häuser gegenüber anschauen. Für ein Balkonkonzert ist die Fassade auch ideal.

Für 351 Wohnungen, werden viele Mülltonnen gebraucht. Ist ja klar, daß dann nicht mehr so viel Platz für Grünflächen und Spielplätze übrig ist. Spielplätze sind sowieso zu laut. Mülltonnendeckel zwar auch, aber die schmalen Fenster sind auch dreifach verglast und schallgedämmt.

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